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Viele wissen, dass ich auf der Bühne stehe. Weniger wissen, dass ich dort eigentlich gar nicht geplant war. Mein Karriereweg begann nicht mit Pointen, sondern mit Pedalen – am Klavier.
Mein offizieller Hochschultitel lautet sogar Master of Music – Piano. Klingt eindrucksvoll, ist im Grunde aber nur ein besonders schicker Zettel, auf dem steht, dass ich ziemlich gut klimpern kann. 

Doch zusätzlich zu diesem Master of Music konnte man auch noch einen Master of Pädagogik machen. Und das tat ich, denn ich wollte eigentlich Lehrer werden. So richtig mit Unterricht, Lehrplan und festgelegten Urlaubstagen.
Dass ich dann seit fast 25 Jahren auf Bühnen gelandet bin, hatte ich so nicht vorgesehen. Aber hey: Go with the flow – oder, wie ich’s gerne sage: Planlos glücklich ist auch ein Lebenskonzept.

Und dann – völlig unerwartet – schloss sich im letzten Jahr ein Kreis:
Das Royal Conservatory of Brussels, also meine alte Uni, fragte mich, ob ich nicht als Gastdozent zurückkommen wolle.
Ich sagte sofort „Klar!“ – mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der man gefragt wird, ob man mal kurz das Salz reichen kann.

Ob das kombinierbar ist, mit meinem Job auf der Bühne, hatte in meinem Kopf erstmal keine Priorität.  

Also pendelte ich plötzlich von Montag bis Donnerstag nach Brüssel, um als Regisseur belgische Musical-Studierende auf ihre Abschlussprüfung vorzubereiten. Und von Freitag bis Sonntag spielte ich meine Shows in Deutschland.
Das kriege ich doch locker hin, dachte ich in den ersten zwei Wochen. Ich habe doch viel Energie!
Doch ich vergaß nur kurz, dass mein Körper inzwischen zu den Modellen „Ü40 mit Tendenz zu Rücken“ gehört – und nicht mehr ganz so viel Duracell in den ADHS-Batterien hat wie früher.

Aber was für eine Ehre! Zurück an die Uni, an der ich selbst studiert habe. Da alle 14 Studenten gleich viel zu tun haben müssen, schrieb ich kurzerhand ein eigenes Stück – eine Krimödie namens „Mord an Bord“ mit 14 Hauptrollen!  Eine Leiche, ein Detektiv und zwölf Verdächtige. Das Stück war logisch, raffiniert und komplett chaotisch. 😅

Da wir nur sechs Wochen Zeit hatten dieses Ding auf die Bühne zu kriegen und die Studierenden mittendrin auch noch Prüfungen hatten,
wurde geschwitzt, gezweifelt – und ja, auch mal geweint. Ehrlich gesagt: Letzteres sogar ziemlich oft. So hatte ich mir eine Komödienproduktion nicht vorgestellt. 😅
Viele Studenten waren ängstlich Fehler zu machen und trauten sich Einiges nicht zu. Also arbeitete ich erstmal an das Selbstbewusstsein der Gruppe und versuchte ein Umfeld zu kreieren wo Fehler sogar gut sind. (FEHLER ist ein Anagramm für das Wort HELFER)

Aber dann passierte etwas Wunderschönes:
Woche für Woche wuchsen die Studierenden über sich hinaus. Komfortzonen wurden durchbrochen und es entstand eine richtige Spielwiese wo jeder mal was ausprobierte. Studenten die in dem Theatersandkasten bis dato nur mit dem Eimerchen gespielt hatten, nahmen plötzlich das Schäufelchen und probierten neue Sachen aus. Das Arbeiten mit den Studenten wurde so spannend und lustig, dass ich komplett meine Müdigkeit vergaß. 

Premierentag: Alle hatten richtig Bock, die Jury saß im Saal, und die Lichter gingen an. Ich war schon lange nicht mehr so aufgeregt. Und das, obwohl meine Arbeit an sich getan war. Aber jetzt sollten die Studenten zeigen, wieviel und wie schnell man lernt, wenn man Spaß hat.
Das Stück begann – und das Publikum lachte. Und lachte. Und lachte.

Und ich hatte die Augen voller Tränen – vor Stolz.
Oder vor Erschöpfung. 🙂